Erfahrungsberichte

Texte auf dieser Seite können dich triggern!

 

Liebe Leute, dieser Flyer über die Bike Kitchen Wien ist von einer Betroffenen geschrieben worden, nicht von uns. Wir sind solidarisch mit der Betroffenen und bieten ihr mit unserem Blog eine Plattform, ihren Flyer (anonym) zu verbreiten. Wir als reSistas sind keine Ansprechpersonen bezüglich dieses Flyers. Wir können lediglich Nachrichten an die Betroffene weiterleiten. Unsere persönliche Sichtweise zu dieser Thematik ist folgende:

Wir haben eine weiterführende Idee zum Boykott der Bike Kitchen Wien – geht hin und startet eine Auseinandersetzung. Wir rufen alle Frauen, Lesben, Inter- und Transpersonen auf, sich diesen Raum anzueignen, startet einen feministischen Diskurs, belebt das Kollektiv und die Veranstaltungen mit einer kritischen und antisexistischen Positionierung. Unser primäres Ziel ist nicht, ein Kollektiv oder einen Raum zu zerstören, sondern diese positiv zu verändern.

Ein Kollektiv trägt selbstverständlich Verantwortung für die Entwicklung von betroffenenfeindlichen und ausschließenden Dynamiken. Daher unterstützen wir zum einen ein Empowerment der Betroffenen (liest dazu bitte auch die Broschüre) und zum anderen sehen wir der nun stattfindenden Entwicklung hin zu einer kollektivinternen Auseinandersetzung sehr positiv entgegen. Unterstützt diese Prozesse bitte.

 

Flyer Bike Kitchen Wienxxxxxxxxxxxxxxxx

 

PROTO-TYPEN
anonym

ich bin zeitlos
verliere mich
ertrinke in Stereotypen

bin durstig
und giere
nach Proto-Typen

Kindern der Nacht
Helden in Strumpfhosen

tanzenden Trinkern
süßen Seelenlosen

ich bin haltlos
tauche tief
stecke im Schuhwerk

bin hart
und standhaft
wie ein Gartenzwerg

nackt im Nebel
suche ich Schwänze

die mich heben
über die Grenze

AN EINEN FREUND
von Ana Molly

muss ich es dir erst erzählen,
was er getan hat,
damit du dich entscheiden kannst,
dass Männersolidarität nicht angebracht ist?

muss ich es euch immer erklären
bis mir die Tränen kommen?

sich raushalten, das gibt es nicht
aber du verstehst das nicht
du hast deine Entscheidung bereits getroffen,
aber du siehst es nicht

ihm hörst du zu, wenn er klagt
bei ihm hat es dich interessiert
bei mir ziehst du die Augenbrauen hoch
schüttelst den Kopf
als ginge es dich nichts an

aber du hast dich positioniert
meine Kritik zerschmettert
mit einem einzigen Satz verharmlost
als ginge es um einen Streit, lächerlich
als wollte ich lästern
und du siehst meine Tränen nicht
sie sind für dich lediglich ein Signal,
dass du flüchten musst

sich Antisexisten schimpfen
dass ich nicht lache
aber nein, ich weine

ihr reflektiert nur eure Umwelt
nicht euch selbst
Angst sei es, sagtest du,
warum du nicht reflektierst

ich habe auch Angst
Angst vor Gewalt,
die du nicht sehen willst
aber er ist ja dein Freund

 

 

WANDELNDES ALARMSIGNAL?
anonym

In meiner Familie gab es eigentlich immer Stress und Streit. Das erste, woran ich mich erinnern kann, waren meine Behauptungsversuche. Ständig musste ich um die Wahrung meiner Integrität kämpfen, Respekt musste ich mir verdienen, aber eigentlich war das unmöglich, denn ich war „selbst schuld“, wenn mir Gewalt zugefügt wurde. Ich wurde geschlagen und dann gefragt, warum ich andere immer dazu bringen würde, das tun zu müssen – ich war fünf als ich das zum ersten Mal wahrnahm. Zwar ging es sehr „locker“ zu, mir wurden kaum Grenzen gesetzt, die bei anderen Kindern „normal“ waren, dafür war Privatsphäre eine vage Vermutung und Erniedrigung anderer an der Tagesordnung. Wir waren perfekt darin, die Geheimnisse anderer zu benutzen, um ihnen Schmerz zuzufügen. Hast du eine Wunde? Hau Salz drauf. Es ist kein Wunder, dass ich irgendwann angefangen hab, mich selbst zu verletzen. Andere verletzen tut viel mehr weh finde ich.
Ich wurde eigentlich immer nur „Dickkopf“ genannt, weil mein Widerstand gegen diese Verhältnisse sehr deutlich war. Und weil ich mich emotional komplett vernachlässigt fühlte, ich mich bereits mit sieben zum ersten Mal umbringen wollte, fing ich schon als kleines Kind an mich selbst zu befriedigen. Es half mir, meine Ängste zu kontrollieren und ich empfand es als „normal“. Aber mein Umfeld natürlich nicht. Mir wurde eingeredet, ich würde etwas sehr, sehr schlimmes tun, etwas verbotenes, etwas peinliches. Ich liebe mich kleines Mädchen selbst dafür, dass ich es dennoch tat. Aber eines Tages sagte dieser Bekannte zu mir, ich sei ein „schlimmes Mädchen“, ein „schmutziges, kleines Mädchen“ und er müsse mich sauber machen. Er zog mich aus und versuchte mich oral zu befriedigen. Danach tat ich es nie wieder. Was soll ich sagen.. ich denke, dass diese Erfahrungen als Kind wohl der Grund sind, warum ich bis heute nicht fähig bin, eine sexuelle Beziehung zu haben. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich Berührungen zulassen konnte. Eine Freundin zu umarmen, das war etwas ganz „neues“ für mich als ich etwa 15 wurde. Natürlich weiß dieses Arschloch nicht, was er mir angetan hat. Ich hoffe, er verreckt qualvoll.
Ich glaube nicht, dass es irgendwer begreifen kann. Da wird immer eine Mauer sein, die mich von anderen trennt. Ich habe selber sehr lange gebraucht, um das zu begreifen. Ich konnte mich an diese Vergewaltigung gar nicht erinnern, erst Jahre später kamen die Erinnerungen und ich habe sie nicht sehr deutlich. Ich weiß nicht, was er alles getan hat, ich weiß nicht mehr, wie es mir damit ging. Ich weiß nur, dass ich nicht „frei“ bin. Mir fehlt ein Teil meiner Erinnerungen und ich stehe unter ständiger Selbstkontrolle, immer noch. Ich habe Ängste. Ich hasse es! Und egal, wie sehr ich weiß, dass es ok ist, wie ich bin, egal wie „gut“ ich mich einerseits mit mir selbst fühle, da ist immer noch dieser Selbsthass mitdabei. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine Sexualität haben „darf“, dass ich es „wert“ bin, geliebt oder berührt zu werden. Ich habe das Gefühl „inadequat“ zu sein und mir wird regelrecht übel bei der Vorstellung, irgendwer könnte Sex mit mir haben wollen oder mich auch nur liebevoll berühren. Wenn andere vor mir rummachen ist es, als würde etwas in mir drinstecken und rumgedreht. Ich fühle mich dann so einsam, dass ich tagelang weine ohne genau zu wissen, warum. Manchmal kippe ich in ein kindliches Verhalten und weiß bis heute nicht, wie ich da in bestimmten Situationen wieder rausfinden und „ich“ sein kann. Mit Leuten, die in einer Beziehung sind, kann ich nur schwer befreundet sein.
Ich hoffe, er verreckt SEHR qualvoll!!!
Diese Wut, die ich hier auf meinen Vergewaltiger zu haben scheine, empfinde ich eigentlich nur theoretisch. Ich habe mehr Wut auf Menschen, denen ich davon erzählt habe. Eine Freundin reagierte, indem sie fragte, ob wir ihn „zusammenschlagen“ sollen. Danke, aber nach 20 Jahren.. und wer sagt, dass es irgendwas an meinen Problemen löst? Was könnte es schon geben, das rückgängig macht, was sich in mich reingefressen hat? Und nein, auf „aufbauende Witze“ hab ich auch keine Lust. DANKE!!!
Ich wünschte, die Leute würden mir helfen, Nähe und Vertrauen aufzubauen. Aber eigentlich bestätigen sie mich nur darin, dass ich es nicht wert bin, dass mir geholfen wird. Oder wenigstens aufhören, mich komisch zu behandeln als wäre ich ansteckend. Sie gehen mir aus dem Weg und ich merke es, aber habe keinen Raum, es zu besprechen. Mir scheint, dass diese Vergewaltigung einen Stempel hinterlassen hat – „vorsicht, nicht berühren, problematische Interaktion, lieber Distanz halten.“ Dabei versuche ich wirklich, ein angenehmer Mensch zu sein. Wie lässt sich dieser Kreislauf bloß durchbrechen? Muss ich einen Teil meiner Persönlichkeit und Vergangenheit tatsächlich verheimlichen, um kein wandelndes Alarmsignal zu sein? Und wieso bin ich es überhaupt, warum ist mein Vergewaltiger kein wandelndes Alarmsignal?
Ich hoffe, sein Schwanz fällt ab.

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